Demo-Bericht vom 25.11. „Gewalt gegen Frauen* hat viele Gesichter – Widerstand auch!“

Im folgenden möchten wir den Bericht von FRIDA  über die Demonstration „Gewalt gegen Frauen* hat viele Gesichter- Widerstand auch!“ vom 25.11. dokumentieren.

„Am 25.11. 2017 versammelten sich ca. 500 Frauen, Lesben, Trans* und Intersex-personen zu der feministischen Demo „Gewalt gegen Frauen* hat viele Gesichter – Widerstand auch!“. Während sich die Demo aufstellte wurden Redebeiträge von verschiedenen Gruppen gehalten, in denen auf verschiedene Weise Gewalt gegen Frauen* sowie der Widerstand dagegen thematisiert wurde. Die Autonomen Frauenhäuser berichteten über ihr 40 jähriges Jubiläum, betonten aber, dass dies kein Grund zum Feiern sei, da jeder Tag, an dem Frauen* in Frauenhäuser flüchten müssen, ein Tag zu viel ist. Sie trugen Zahlen aus Statistiken vor, die das Ausmaß von partnerschaftlicher, psychischen und sexualisierter Gewalt – bis hin zum Mord – an Frauen zeigten. Anschließend folgte ein Beitrag, der Antimilitarismus als wichtigen Teil feministischer Kämpfe, da Gewalt gegen Frauen* gezielt in militärischen Konflikten genutzt wird. Deswegen müssen wir als Feminist*innen immer auch Antimilitarist*innen sein. Der kurdische Frauenrat Rojbin thematisierte in ihrem Redebeitrag die Geschichte des 25.November und erinnerte an die Mirabal Schwestern, die am 25.11.1960 vom diktatorischen Regime in der Dominikanischen Republik ermordet wurden und an die der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen* erinnern soll. Es wurde betont, dass sich überall auf der Welt Frauen* unterdrückerischen Systemen in den Weg stellen und wir unsere Kämpfe hier als Teil weltweiter Frauen*kämpfe verstehen. Besonders die Frauenrevolution in Rojava stellt einen besonderen Bezugspunkt dar, da dort ein Gesellschaftsmodell aufgebaut wird, in dem Frauen* auf allen Ebenen autonom organisiert sind. In einem weiteren Redebeitrag wurde anschließend die materielle Grundlage des Patriarchats thematisiert und eine grundlegende Änderung der herrschenden Verhältnisse gefordert.

Als sich die Demo in Bewegung setze, verwandelte sich die Mönckebergstraße in eine kraftvolle Menge, in der hunderte lila-farbene Regenschirme getragen wurden, auf denen Forderungen standen oder Gesichter von widerständigen Frauen gesprüht waren. Einige Frauen* hielten Buchstaben hoch, die in einer Reihe „NO means NO“ ergaben. Mit lauten Parolen wie „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“ zogen wir durch die Innenstadt. Nach einem eingespieltem Jingle von Ni una Menos aus Berlin, der die Feminizide in Lateinamerika thematisierte, beschallten 2 DJ’anes vom Lauti aus die Demo mit female Hip Hop und die Moderation informierte die Passant*innen über unsere Demo. Am Jungfernstieg grüßten uns solidarische Männer mit einem Transpi „Schön, dass ihr hier seid! FIGHT THE CIS-TEM! Und schade, dass es notwenidg ist!“ und wir zogen weiter zum Gängeviertel. Dort richtete das FuckOff-Lab – ein queer-feministischer Raum im Gängeviertel, der sich auf Grund patriarchaler Übergriffe gegründet hat – ein Grußwort an die Demo. Das Lab sprach von sexualisierter Gewalt und Machtstrukturen im Viertel. Am Ende wurde die Forderung nach einem Frauen*haus gestellt. Eine betroffene Person aus dem Haus schilderte ihre Situation und rief dazu auf ins Haus zu gehen. Dem Aufruf folgten einige Teilnehmer*innen und gingen in das Haus. Die Demo wartete auf die Teilnehmer*innen, die wieder mit laufen wollten und setze sich dann wieder in Bewegung. Vom Häuserdach nebenan flogen dann grüne Luftballons mit dem Logo der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ auf die Demo. Daraufhin wurden kurdische Parolen wie „Jin, Jiyan, Azadi“ (Frauen*, Leben, Freiheit) und „Biji berxwedana YPJ!“ (Es leben der Widerstand der YPJ!) gerufen. Die Demo lief weiter zum Gericht, wo auf die Situation von Frauen* und ihren Kindern im Knast aufmerksam gemacht wurde. Es gab außerdem einen Redebeitrag, indem Solidarität mit der Gynäkologin Kristina Hänel ausgedrückt wurde, die angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil sie auf ihrer Homepage angab über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren und diese durchzuführen.

Auf dem Weg in die Schanze wurde in einem Redebeitrag die Situation von Frauen in Syrien sowie deren mörderische Bedrohung des patriarchalen Islamischen Staates geschildert. Die Demo gelangte dann zur Endkundgebung an der Roten Flora, wo türkische Frauen auf Feminizide in der Türkei und Nordkurdistan aufmerksam machten und an die Frauen erinnerten, die im Kampf um Gleichheit und Freiheit gefallen sind. Schließlich wurde noch ein Redebeitrag gehalten, der den Start der feministischen Kampagne „Gemeinsam kämpfen! Für Selbstbestimmung und Demokratische Autonomie“ verkündete, die die Analysen der kurdischen Frauenbewegung mit den feministischen Kämpfen in der BRD verbinden möchte und in den nächsten Monaten dazu arbeiten wird. Anschließend meldete sich eine Vertreterin des FuckOff-Lab zu Wort und machte deutlich, dass sich das Gängeviertel mit unterschiedlichen Konflikten beschäftigt, die Teil von Gemeinschaft und komplex sind – viele Betroffene äußern sich, womit das Lab auch überfordert ist. Sie bedankte sich für die Solidarität vor Ort. Nach den Redebeiträgen tanzten die Demo-Teilnehmer*innen zu kurdischer Musik Halay auf der Straße. Anschließend gab es noch einen Auftritt der Rapperin Finna, zu deren Texten wir mitsangen und tanzten. Nach Beendigung der Demo gingen noch viele Teilnehmer*innen in die VoKü der Roten Flora, die an diesem Abend nur für Frauen, Lesben, Trans* und Intersexpersonen geöffnet war.

Wir werten die Demo als Erfolg, da trotz der verschiedenen politischen Ideologien ein kraftvoller gemeinsamer Ausdruck gefunden werden konnte. Vor allem der internationalistische Charakter, der die verschiedenen weltweiten Frauen*kämpfe zum Ausdruck brachte, gab uns das Gefühl Teil einer weltweiten Bewegung zu sein, die sich gegen Patriarchat, Unterdrückung und Ausbeutung richtet. Die verschiedenen Aspekte von Unterdrückung & Ausbeutung, die in den Redebeiträgen vor kamen (direkte physische & sexualisierte Gewalt, materielle Verhältnisse, Kriege, Unterdrückung von Staaten, Kapitalismus, Rassismus etc.) bestärken uns in der Analyse, dass Feminismus kein Teilbereichskampf ist, sondern Ausgangspunkt von Befreiung sein muss. Besonders hervorzuheben – nicht nur durch die vielen YPJ-Luftballons – war der Bezug zur Revolution in Rojava. Neben dem kurdischen Frauenrat bezogen sich viele andere Teilehmer*innen positiv auf die stattfindende Frauenrevolution in Rojava. Als Frauen*, die für eine emanzipatorische und befreite Gesellschaft kämpfen, ist Rojava für uns ein wichtiger Bezugspunkt. Dort wird gerade eine tatsächliche Alternative zum kapitalistischen Patriarchat aufgebaut und eine Ideologie in die Praxis umgesetzt, in der Frauen* selbstbestimmt leben können. Auf Grund des sich verstärkernden Patriarchats weltweit, sehen wir es als unerlässlich an feministische Kämpfe revolutionär zu denken und zu gestalten. Im Demokratische Konföderalismus sehen wir eine konkrete Alternative zu diesem System. Rojava gibt uns Kraft & Mut auch hier weiter an dem Ziel einer geschlechterbefreiten Gesellschaft festzuhalten – auch wenn die Bedingungen andere sind.

Wir nehmen aus der Demo mit, dass feministische Kämpfe nur dann erfolgreich sein können, wenn in ihnen verschiedene Perspektiven Platz haben und hoffen, dass wir in Zukunft noch näher zusammenrücken, voneinander lernen und weiter gemeinsam kämpfen.

Wir freuen uns jetzt schon auf den 8.März!

Jin, Jiyan, Azadi!“

This entry was posted in General. Bookmark the permalink.